Meine Kuh!
Vorerst bin ich mal wieder "daheim", wobei daheim im Moment eher das Domizil meiner Eltern und damit die Heimat meiner Kindheit ist. Aber seien wir mal nicht kleinlich. Satt und zufrieden wähne ich meine schmerzenden Knochen in trügerischer Sicherheit. So ein kleines bisschen Offroad mit dem motorisierten Zweirad hat schon etwas für sich. Meine Halswirbelsäule knischt zwischenzeitlich ganz lustig und es wird wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit brauchen, den ganzen Staub aus den Klamotten zu bekommen. Meine rechte Hand hat netterweise eine recht annehmbare Form behalten, nach der kurzen aber dennoch intensiven Zusammenkunft mit der unnachgiebigen Hartplastik des Gepäckträgers.
Was nicht heißt, daß dieses Körperteil nicht trotzdem seit gestern hübsche Schmerzwellen den Arm hinauf zum Gehirn jagt. Kaltes Wasser soll da Wunder wirken. Tat es auch... gestern beim Duschen... wrrrrr... Sauber, jetzt richtig wach und wie immer hungrig fand ich einen Moment später in der Küche wieder. Schaute kurz einem Mann beim Würzen von Fleisch zu. Aber so schnell, wie Männer aus der Küche verschwinden, sobald hilfswillige Frauen auftauchen, kann man gar nicht gucken. Jedenfalls stand ich kurz darauf mit einem Bund Radischen und zwei anderen Grazien allein am magischen Ort der Nahrungszubereitung, während es draußen eine ganze Horde Mann braucht, um den Grill in Gang zu bringen. Eben jenes zickige Gerät, daß im Laufe der abendlichen Völlerei zweimal erlöschen sollte, obwohl doch so viel fähiges Fachpersonal... "Uga, ich habe Feuer gemacht..." Yiehaaa. Nein, ich sag nichts.
Zurück zu den Radischen - diese verlangten nach einem Bad und kaltes Wasser tat noch immer ziemlich gut. Also wurden nach den Radischen Tomaten gewaschen... und noch mehr Tomaten... "Reichen die nicht erstmal?" "Öhm..." "Ach, machen wir einfach noch einen Tomatensalat." Während ich noch immer mit den nebensächlichen Produkten der Natur beschäftigt war, tritt zum ersten Mal der Held in schillernder Rüstung an die Durchreiche zur Küche und benötigt weiblichen Beistand, um auf sich aufmerksam zu machen. Auf die selbstlose Frage, ob er mir auch etwas mitbringen solle, äußere ich unverhohlenes Interesse an einem saftigen Rindersteak. So etwas gibt es, ich hab es gesehen!
Nun, es sei noch nicht fertig. Während ich mich weiter dem Anrichten des Gemüses widme, legen die Herren den ersten Gang ein. Zwischenzeitlich gönne ich mit einen Fleischspieß und etwas Gesundes. Die Kuh sei noch nicht soweit. Noch eine Weile später, werden sowohl ich als auch mein Magen etwas ungeduldig. So langsam schleicht sich auch eine gewisse Angst ein, daß die ganze Kuh in Mägen anderer Hungriger verschwindet. Noch später legt mein Mann die nun inzwischen dritten Runde ein. Und da er eh zum Grill... "Bring mir meine Kuh mit!" Zehn Minuten später. Inzwischen hege ich keine Zweifel mehr an Einsteins Relativitätstheorie. Bisher dachte ich, der Grill stünde genau vor der Tür...
Mein Mann kehrt stolz erhobenen Hauptes wieder. Auf dem Teller ein Spieß, zwei Würstchen... keine Kuh. "Wo ist meine Kuh?" Ich werde panisch. "Die ist noch nicht durch" Ich gucke doof (Das kann ich prima.) "Eine Kuh brauch nicht durch sein." "Dann hol sie dir selbst." Na, danke, erst große Reden schwingen, und dann darf ich wieder selbst laufen *murmelmurmel* waseinservice *murmelmecker* aua *schnief* *murmel* "Ja, ja, ist ja schon gut, ich hol dir was." Und tatsächlich, nur Sekunden später steht der Teller mit der Kuh vor mir. Überzeugte Stimme von weiter links "Die sieht aber nicht aus, als wäre sie durch". Prustende Stimme von Gegenüber "Sie wollte sie auch nicht durch!" Allgemeines Kichern. Zaghafte Frage von links gepaart mit zuckender Gabel "Schmeckt die Kuh?" Knurrende Antwort "Denk nicht mal dran!" Meine Kuh!