[Minigeschichte] Zu Spät

Veröffentlicht auf von Zong

Heute mal wieder einfach nur eine kleine Geschichte...

 

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Da glaubt man sich selbst so erwachsen und von einem auf den anderen Moment fühlt man sich wieder so jung und unerfahren. Unsicher, und dennoch voller Vorfreude. Zum fünften Mal stehe ich nun vor dem Spiegel, wieder ein anderes Outfit, und ich gefalle mir noch immer nicht. Der halbe Inhalt des Kleiderschranks liegt rundherum verstreut. Gut, ich belasse es bei der schwarzer Satinhose und dem roten Top, schlicht und edel, bilde ich mir zumindest ein.
Nervös wird ein wenig MakeUp aufgetragen, die hohen Schuhe, der leichte Mantel. Meine Uhr sagt mir, daß ich mal wieder zu spät komme. Aber wenn sich in all den Jahren nicht allzu viel verändert hat, werde ich wohl nicht die einzige sein. Jetzt stiehlt sich doch ein Lächeln in mein Gesicht und mein Spiegelbild sieht gleich viel ansehnlicher aus. Vier Jahre sind eine lange Zeit.

Ein paar Straßenbahnhaltestelle später, sitze ich im vereinbarten Restaurant. Mein Herz will sich überschlagen. Was erwarte ich eigentlich? Daß alte Liebe neu entflammt? So ein Blödsinn.
Meine Hände spielen mit dem Besteck. Pünktlichkeit war immer unser beider Schwäche. Der Gedanke weckt Erinnerungen an gemeinsame Stunden. Vorbei sei vorbei. Und dennoch erwische ich mich, wie sich doch ein wenig naive Hoffnung in mir aufbaut.

Dann erscheint der Mensch, der in so wenigen Stunden seit seinem Anruf, mein komplettes Seelenleben auf den Kopf gestellt hat, mich innerlich wieder zu einem Teenager machte, zitternd beim ersten Date. Nun, es ist das erste Date – zumindest nach all den Jahren…
Der kurze Rock erlaubt den Blick auf lange schlanke Beine, langes rotes Haar fällt auf bloße Schultern. Nach dem Setzen, streicht sie beinahe beiläufig ein paar Strähnen in den Nacken. Schmunzelnd registriert sie, daß diese Geste noch immer nicht ihre Wirkung auf mich verloren hat.
„Du siehst gut aus“. „Das sagst du immer“. Schweigen, während ich in ihren Augen beinahe versinke. „Du siehst gut aus“, wiederhole ich noch einmal leiser. Kurz schlägt sie den Blick nieder „Danke“. Auf das ‚du auch’ verzichtet sie. Nicht, daß ich schlecht aussehen würde. Aber es paßt einfach nicht.

Ihr Mund öffnet sich leicht, als wolle sie etwas sagen, doch kein Wort erklingt. Ihre Finger zupfen an der Serviette. Es tut gut, zu sehen, daß sie ebenfalls nervös ist, ja es befreit fast, zu wissen, daß das Gegenüber die Situation genauso wenig unter Kontrolle hat, wie ich selbst.
Das Gespräch während des Essens folgt der Gegenwart und der Vergangenheit, wie zwei alte Freunde. Wenn man die tiefen Blicke ignoriert. Vielleicht ein bisschen zu viel verhaltenes Gekicher, bestimmt ein bisschen zu viel Wein. Es fühlte sich so gut an, hier mit ihr zu sitzen. Als wäre alles, was uns einst trennte, einfach hinweg gefegt.

An der Straßenbahnhaltestelle verabschieden wir uns. Aus der erst vorsichtigen Umarmung, kann ich sie nicht einfach loslassen. Ich rieche ihr Parfüm, ihr Haar, ihre Wärme. Ich will nicht, daß sie geht. Auch ihre Hände lösen sich nicht vom mir. Langsam öffnet sie die Spange meiner Haare. „Du hast sie kürzer schneiden lassen“ bemerkt sie beinahe vorwurfsvoll.
„Ja, es hat sich einiges verändert“ erwidere ich fast entschuldigend, als sei meine Frisur ein Indikator meines Lebens. Vielleicht war es so. „Nicht alles“, flüstert sie, kurz bevor ihre Lippen die meinen verschließen.

Meine Straßenbahn fährt ab – unbemerkt; Menschen schauen uns an – ignoriert. Für diesen Augenblick gibt es nur uns, sie und mich.

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Veröffentlicht in "Augenblicke"

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