[Minigeschichte] Regen
Einen Augenblick? Ein ganzes Leben!
Mir ist, als hätte ich alles verloren, das mir je wichtig schien – mein Herz, meine Kraft, mein Vertrauen. Liebe. Dinge, die so ungreifbar sind, solange ich sie in mir trage. Deren Verlust aber so schmerzhaft ist, als würden sie mir tatsächlich mitten aus dem Leib gerissen.
Irgendwo tief in meinem Kopf weiß die Vernunft, daß es vorüber gehen wird. Dort hallen auch die Worte der Freunde wieder, mit der alten Weisheit bezüglich anderer Mütter Töchter. Doch es schweigt das Wissen, wenn etwas weint, das einmal mein Herz gewesen ist. Ich wünschte, es würden ebenso die guten Ratschläge schweigen. Ich habe nach keinem von ihnen gefragt, ich wollte keinen von ihnen hören. Es ist nicht mein Verstand, der mit Logik getröstet werden muß.
Überall in unserer Wohnung – nein meiner, nur noch meiner – schwebt ihr Duft im Raum, hüllt mich ein, weckt Erinnerungen. Ich weiß, daß die Zeit ebenso Vergangenheit ist, wie der Geruch nach ihr. Ich weiß es, aber ich fühle anders. So oft schon habe ich die Wohnung geputzt, Parfüm versprüht, seit sie gegangen ist. Und doch kehrt zumindest in meiner Einbildung alles wieder. Ein Teil von mir ist noch nicht bereit, sie gehen zu lassen, damit abzuschließen, was uns verband. Wenn ich die Augen schließe, meine ich, ihre Anwesenheit zu spüren, ihren Atem zu hören. Dieses Bild halte ich fest. Ich möchte Sie an mich ziehen, wie früher, ihren Hals küssen, sie schmecken. Doch so funktionieren Visionen nicht. Einbildungen verschwinden, wenn man sie zu greifen versucht.
Zurück in meinen eigenen vier Wänden – physisch wie psychisch – zwinge ich meinen Verstand aus seiner Zurückhaltung. Ich brauche Kraft. Doch im Moment kann ich diese nicht aus der Vergangenheit ziehen. All die schönen gemeinsamen Stunden verursachen gerade jetzt mehr Schmerz, als mich zu stärken. Es liegt noch Arbeit vor mir.
Es ist der zweite Karton, den ich heute mit ihren Sachen packe. So lange schon liegen ihre Habseeligkeiten zwischen den meinen, um ihren Geist in der Wohnung zu halten. Es wird Zeit loszulassen, wenn ich nicht abstürzen will. Sagt die Vernunft. Vielleicht gewinnt diese langsam die Oberhand. Alles hier ist auf uns zwei eingerichtet, die Räume, ich, mein Herz. Wir zwei. Und jetzt eben ich allein. Was uns einst so glücklich machte, nimmt mir jetzt die Luft zum Atmen. Man sollte meinen, ich hätte nun doppelt so viel Platz. Mitnichten. Wobei wir wieder bei dem Unterschied zwischen Wissen und Fühlen wären.
Das Telefon klingelt, reißt mich aus meinen Gedanken. Die Nummer ist bekannt, weckt aber nicht den Wunsch nach einem weiteren tröstenden Gespräch. Wahrlich nicht. „Laß es gut sein für den Moment“, dieses Mal sind sich Herz und Hirn einig. Ein kurzer Blick zurück in das Chaos, das ich geschaffen habe – es ist das selbe Chaos in mir. „Laß es gut sein“, mit den geflüsterten Worten greife ich nach meinem Mantel und begebe ich mich hinaus in die kalte regnerische Nacht.